Schulchat: Privat oder öffentlich?

  1. Lisa - MOMENT

    Hallo Marie, hallo Noah Leon! Willkommen im MOMENT-Gruppenchat zum Thema Schule. Wollt ihr euch mal kurz vorstellen und uns verraten, wie alt eure Kinder sind und welchen Schultyp sie besuchen? 21:00

  2. Marie

    Hallo Lisa, hallo Noah Leon! Ich wohne in Wien, bin verheiratet und habe drei Kinder, die 11, 9 und 7 Jahre alt sind. Die Älteste geht ins Gymnasium, die jüngeren beiden in die Volksschule. Drei Kinder, drei unterschiedliche Schulen... 21:02

  3. Noah Leon

    Hallo Marie, hallo Lisa! Ich arbeite als Sozialwissenschaftler an der Uni, wohne gemeinsam mit meiner Partnerin ebenfalls in Wien. Wir haben zwei Kinder, die Große wird im Sommer 6 Jahre alt und gerade haben wir die Schuleinschreibung an einer öffentlichen Volksschule im 15. Bezirk in Wien hinter uns gebracht. Der Kleine ist gerade 2 geworden und wird also noch eine Zeit in den Kindergarten gehen.. 21:04

  4. Lisa - MOMENT

    Marie, zwei deiner Kinder gehen auf eine Privatschule, richtig? Wieso habt ihr euch dazu entschieden? 21:05

  5. Marie

    Ja, genau. Die Privatschule war die logische Fortsetzung des Kindergartens. Als wir damals einen Platz gesucht haben, haben wir uns öffentliche und private Kindergärten in der Umgebung angesehen, Der, den wir uns ausgesucht haben (und wo wir zum Glück auch tatsächlich einen Platz bekommen haben), hatte den größten Garten und die Kinder sind sehr viel draußen. Das gab den Ausschlag dazu. Die Volksschule ist im gleichen Haus und hat uns auch gefallen. Drum war es für uns klar, dass sie nach dem Kindergarten dort ebenfalls hingehen werden. 21:09

  6. Marie

    Wir wohnen in einem Bezirk innerhalb des Gürtels. Da gibt es kaum Grün, daher war mir der "Auslauf" für die Kinder sehr wichtig. 21:10

  7. Marie

    Noah Leon, du schreibst, dass die Große in eine Volksschule im 15. Bezirk gehen wird. Darf ich fragen in welche? 21:11

  8. Noah Leon

    Wir wohnen genau an der Grenze von 16. und 15. Bezirk und hatten drei Schulen in der engeren Auswahl. Wobei ich ganz ehrlich sagen muss, dass für mich alle drei Schulen in Ordnung gewesen wären. 21:14

  9. Noah Leon

    Den Ausschlag hat dann eigentlich vor allem gegeben, dass es dort zumindest eine offene Ganztagsschule ist, also mit Nachmittagsbetreuung in der Schule und organisiert durch die Schule. Eine verschränkte Ganztagsschule wäre uns noch lieber gewesen, die war aber nicht im Angebot.. 😉 21:15

  10. Marie

    Ich frage nur, weil meine Jüngste auch in eine öffentliche Volksschule im 15. geht. 🙂 21:17

  11. Marie

    Was mich an der privaten Volksschule, in der die beiden Größeren sind/waren, überzeugt hat, war ebenfalls die Nachmittagsbetreuung. Sie ist direkt im Haus untergebracht. Aber verschränkte Ganztagsschule fände ich auch am idealsten. 21:17

  12. Marie

    War für euch von Anfang an klar, dass es eine öffentliche Volksschule sein soll? 21:17

  13. Noah Leon

    Das stand eigentlich völlig außer Zweifel, ja. Private haben wir uns also gar nicht näher angeschaut. Eigentlich wäre das schon beim Kindergarten der Plan gewesen, da haben wir dann aber leider keinen Platz bekommen im öffentlichen Kindergarten und mussten auf einen privaten ausweichen. Bei der Schulwahl war das zum Glück kein Problem. 21:19

  14. Lisa - MOMENT

    Wieso habt ihr private Schulen ausgeschlossen? 21:20

  15. Marie

    Ein guter öffentlicher Kindergartenplatz ist wirklich sehr schwer zu bekommen... Das wollte ich auch gerade fragen. 21:21

  16. Noah Leon

    Ich würde sagen, der wichtigste Grund ist schon das Problem der damit verbundenen sozialen Selektion - Mal ganz unabhängig davon, wer der Träger ist. (Wir sind beide nicht gläubig und aus der Kirche ausgetreten, also irgendwelche religiösen Träger wären dann noch zusätzlich eher ein NoGo). 21:23

  17. Noah Leon

    Und das mit der sozialen Selektion wirkt halt in beide Richtungen: einerseits ist es für die öffentlichen Schulen ein Problem, wenn immer mehr Leute mit gutem Einkommen und Bildungshintergrund ihnen den Rücken zukehren - das verstärkt sich ja mit der Zeit. 21:24

  18. Noah Leon

    Andererseits würde ich es auch nicht super finden, wenn unsere Kinder dann eigentlich auch in einer Art Parallelgesellschaft landen, die mit der realen demographischen Situation in Wien nicht viel zu tun hat. 21:25

  19. Marie

    Das kann ich gut nachvollziehen. Ob die bewusst oder unbewusst von Seiten der Schule aus passiert, kann ich nicht sagen. Tatsächlich sind SchülerInnen und Eltern vom Background her schon sehr homogen. 21:25

  20. Marie

    In unserem Fall kommt noch dazu, dass es sich auch tatsächlich um einen religiösen Träger handelt. 21:26

  21. Noah Leon

    Genau das mit der Homogenität meine ich! 21:27

  22. Marie

    Ja, es ist teilweise schon eine Blase, in der man sich da befindet. Einerseits finde ich es ganz gut, dass die Kinder in einem recht geschützten Umfeld größer werden können, aber etwas mehr Realitätssinn wäre schon gut. Was mir aber auffällt: selbst in einigen öffentlichen Schulen gibt es eine gewisse Homogenität. Meine Jüngste geht in eine öffentliche Volksschule im 15. Bezirk. Da ist es wesentlich gemischter, aber ich habe den Eindruck, dass die Eltern dort auch alle recht ähnlich ticken. 21:28

  23. Noah Leon

    Wobei ich sagen muss, eine der überraschendsten Erkenntnisse für mich im Zuge der Schulauswahl war, dass es neben der Segregation zwischen öffentlichen und privaten Schulen noch eine zweite innerhalb der öffentlichen Schulen selbst gibt, also quasi eine Art Binnen-Segregation. 21:29

  24. Noah Leon

    Darf ich fragen ob sie in eine besondere Klassenform geht, also z.B. eine Mehrstufenklasse? 21:29

  25. Noah Leon

    Was wir nämlich beobachtet haben, und das meine ich mit Binnensegregation, dass innerhalb von öffentlichen Schulen manche Klassen oder Züge gleicher sind als andere. Also zum Beispiel Mehrstufenklassen oder zweisprachige Klassen mit Deutsch und Englisch. 21:30

  26. Marie

    Ja, sie ist als Integrationskind in einer Mehrstufenklasse. Ich bin sehr angetan vom Konzept der Mehrstufenklasse. 21:30

  27. Noah Leon

    Das könnte wiederum erklären, warum dort die Eltern ähnlich ticken. 21:31

  28. Marie

    Damit hast du recht. Das war genau der Punkt, den ich oben schon angesprochen habe, 21:31

  29. Noah Leon

    Denn was wir beobachtet haben, ist, dass in diesen besonderen Klassen dann zum Beispiel fast ausschließlich Leute ohne Migrationshintergrund sind, während in den Regeklassen Kinder ohne Migrationshintergrund fast schon eine Seltenheit sind - in derselben Schule. 21:31

  30. Noah Leon

    Mit anderen Worten: die gut ausgebildeten und besser Verdienenden kümmern sich drum, dass ihre Kinder in der Mehrstufenklasse oder in der bilingualen Klasse landen und so teilt es sich selbst innerhalb einer öffentlichen Schule ziemlich auf. 21:32

  31. Noah Leon

    Das hatte ich zumindest nicht am Schirm, bevor wir uns mit der Schulwahl näher auseinandergesetzt haben 21:33

  32. Marie

    Ja, in der Schule meiner Siebenjährigen ist es bunt gemischt. Aber ich kenne das aus anderen Schulen, wo es diese Durchmischung innerhalb der Klassen nicht gibt. Das finde ich schade. 21:33

  33. Marie

    Ich kenne Kinder, die in Schulen gehen, in denen es genau diese Binnen-Segregation gibt. Die bilinguale Klasse funktioniert wunderbar, aber wenn das Kind dann in der anderen Klasse mit MitschülerInnen sitzt, von denen gerade einmal ein weiteres Kind Deutsch als Muttersprache hat, wird es tatsächlich schwierig. 21:34

  34. Lisa - MOMENT

    Was denkt ihr denn, was die Auswirkungen davon sind, wenn Klassen gemischt oder eben homogen sind? 21:35

  35. Noah Leon

    Und, Lisa, was die Auswirkungen stärkerer Durchmischung angeht, würde ich mir erhoffen, dass damit eine größere Offenheit und Vielfalt einhergeht - aber vielleicht auch eine größere Sensibilität für unterschiedliche Lebensrealitäten und -hintergründe. 21:35

  36. Marie

    Offenheit und Vielfalt würde ich mir wünschen. Gelebt wird sie aber sehr selten. Die Vielfalt vermisse ich in den Privatschulen manchmal. 21:37

  37. Lisa - MOMENT

    Von den Artikeln, die ich über öffentliche und private Schulen gelesen habe (Kinder habe ich keine), wirkt es so, als hätten die Mittelschichteltern Angst vor MitschülerInnen mit Migrationshintergrund und als wäre das ein ausschlaggebendes Kriterium. Erlebt ihr das in eurem Umfeld? 21:39

  38. Marie

    Nein, bei uns hat es sich aus der Wahl des Kindergartens heraus ergeben. Mir war wichtig, dass die Volksschule nahe am Wohnort ist und die Kinder auch allein nach Hause fahren können. Da hätte es im Umkreis gleich mehrere gegeben, bei denen das möglich gewesen wäre. Was mir ebenfalls wichtig war, war eine Ferienbetreuung. Die gibt es - zumindest für die Fenstertage und einige Wochen in den Sommerferien - in der Schule. Wir sind beide voll berufstätig, daher war uns das sehr wichtig. 21:41

  39. Marie

    Das höre ich in Gesprächen immer wieder heraus. Viele haben das Gefühl, die Kinder mit einer Privatschule rechtzeitig "auf Kurs" bringen zu müssen. Ich denke aber, dass von mehr Durchmischung alle Seiten profitieren würden. Dazu müsste man aber auch in den Volksschulen darauf achten, dass es nicht - wie von Noah Leon angesprochen - die begehrten Bilingualklassen gibt, in die die Kinder bildungsbeflissener Eltern geschickt werden und für den Rest gibt es eine eigene Klasse. 21:42

  40. Marie

    Definitiv - die Angst des Bürgertums vor dem Abstieg... 21:46

  41. Noah Leon

    Also wenn es so sein sollte, dann ist es zumindest in meinem eher links-liberalen Umfeld nicht so, dass Angst vor zu vielen MitschülerInnen mit Migrationshintergrund offen artikuliert würde. Ich erlebe es eher umgekehrt, dass - oft auch ungefragt - eine ganze Reihe von Gründen angeführt werden, warum man sich - obwohl man ja eigentlich gegen Privatschulen ist - dann eben trotzdem für eine Privatschule entschieden hat. Und ich glaube, dass es diese Gründe auch tatsächlich gibt - genau wie Marie geschrieben hat, die haben eine bessere Ausstattung und die bessere Nachmittags- und Ferienbetreuung, liegen am Weg etc. 21:47

  42. Marie

    Mein Umfeld ist deinem relativ ähnlich, glaube ich. Und das wird natürlich nie angeführt. Es kommt auch gerne das Argument, dass man für öffentliche Volksschulen ist, aber das eigene Kind nicht unbedingt gerne in eine Schule steckt, in der 90 Prozent der MitschülerInnen nicht deutsch sprechen. 21:52

  43. Marie

    Die Frage hat sich bei der Wahl der Volksschule aufgrund des Wohnorts in keiner der Schulen der Umgebung gestellt. Aber wenn der Anteil der SchülerInnen mit Migrationshintergrund in einer Klasse dermaßen hoch ist, gibt es auch keine Heterogenität mehr. 21:54

  44. Noah Leon

    Genau, da schließt sich dann der Kreis: es gibt dann im Ergebnis sowohl in der öffentlichen als auch in der privaten Schule ein Defizit an Vielfalt und sozialer Diversität. 21:57

  45. Marie

    Eine verschränkte Ganztagsschule für alle und keine Trennung in privat und öffentlich wäre mir am liebsten. Mitunter beneide ich Eltern am Land, wo es ganz klar ist, dass das Kind in die EINE Volksschule im Ort geht und danach in das EINE Gymnasium oder die NMS im Bezirk. 21:57

  46. Noah Leon

    Das stimmt total. Ich fand es immer schon Absurd, dass dieselben, die gegen gemeinsame Schulen bis 14 argumentiert haben, gleichzeitig die Qualität der Landhauptschulen gelobt und als Beweis dafür angeführt haben, dass Hauptschulen ja auch gut funktionieren können. Klar, weil die eben dann de-facto gemeinsame Schulen sind. 21:59

  47. Marie

    Ja, da gebe ich dir recht. Ich sehe das in der öffentlichen VS meiner Jüngsten. Sie wird als "Schulversuch" geführt: mit Mehrstufenklassen, wesentlich mehr Lehrkräften in den Klassen, inklusiv und ob ein Kind "urösterreichischen" oder Migrationshintergrund hat ist völlig egal - und ausgewogen. 22:01

  48. Marie

    Mir scheint das gesamte Bildungswesen ein einziger Flickerlteppich zu sein. Aber zu klaren Aussagen in der Bildungspolitik will sich niemand durchringen. 22:02

  49. Lisa - MOMENT

    Vielen Dank euch beiden für eure Zeit und Offenheit, ich würd den Chat dann langsam zumachen, wollt ihr noch etwas loswerden? Vorschläge für die ultimative Schulreform vielleicht? 22:02

  50. Noah Leon

    Ich kann vielleicht noch kurz sagen, was mich bei der Schulwahl entspannt hat: die meisten Studien über Schulwahl, die ich kenne, haben gezeigt, dass letztlich Bildungshintergrund und -orientierung der Eltern viel wichtiger für den längerfristigen Bildungserfolg ist, als die Schulwahl. Mit anderen Worten: die Gefahr, dass die "falsche" Schule den eigenen Kindern die Bildungschancen nimmt, ist nicht sehr groß. Warum dann nicht gleich in eine öffentliche Schule mit ihnen? Im übrigen bin ich der Meinung, dass wir massiv in den flächendeckenden Ausbau von verschränkten Ganztagsschulen investieren sollten. 22:06

  51. Marie

    Puh, da würden wir wahrscheinlich noch lange schreiben. 🙂 Ich wünsche mir, dass in Hinblick auf eine Reform sehr viel offener diskutiert wird. Mir scheint, die Politik verschließt gerne die Augen davor wie es um das Bildungswesen bestellt ist. Auf der einen Seite "Eliteschulen", auf der anderen "Brennpunktschulen" und ganz viel dazwischen. Jedes Kind hat ein Recht auf gute Bildung, aber ob es sie bekommt, hängt in Österreich viel zu stark vom Bildungshintergrund der Eltern und deren Engagement ab. Chancengleichheit gibt es also nach wie vor nicht. ich bin da ganz bei Noah Leon: verschränkte Ganztagsschulen sind meines Erachtens unabdingbar, um die unterschiedlichen Voraussetzungen mit denen Kinder ins Schulleben starten, etwas auszugleichen. Sie nivellieren das Bildungsniveau nicht nach unten, sondern sorgen für ähnlichere Voraussetzungen unabhängig von der jeweiligen familiären Situation. 22:14

  52. Noah Leon

    Das ist doch ein schönes Schluss-Statement. Hat Spaß gemacht. Wünsche noch einen entspannten Rest-Abend Euch beiden! 22:15

  53. Lisa - MOMENT

    Danke euch und einen schönen Abend! 22:15

  54. Marie

    Danke! Euch beiden auch einen schönen Abend und deiner Tochter einen tollen Schulstart im Herbst! 22:16

  55. Noah Leon

    Vielen Dank! 🙂 22:16